Wandel durch Handel
 
Interview mit den Schweizer Coop-Manager Laurent Vonwiller
von Shelina Marks

Supermärkte beziehen täglich Waren aus aller Welt. Doch was tun, wenn sich Zulieferer nicht an die Regeln für Qualität und Anstand halten? Kündigen? Der Schweizer Coop-Manager Laurent Vonwiller weiß, was besser wirkt: Veränderungen fordern - und dabei helfen.

brand eins: Wie kann ein Supermarkt sicherstellen, dass sich seine Lieferanten an Arbeitsgesetze oder Umweltauflagen halten?

Laurent Vonwiller: Für den Supermarkt fängt es schon bei der Auswahl der Produzenten an. Als Qualitätsleiter der Abteilung Früchte und Gemüse der Coop Schweiz habe ich mit meinen Kollegen einen Anforderungskatalog entworfen, um alle Faktoren beurteilen zu können, und ein Verfahren entwickelt, um Lieferanten - insbesondere auch neue - regelmäßig zu beurteilen. Und das wird nicht nur für Bio-Anbieter angewendet: In Gesprächen oder mit Fragebögen werden die Produzenten auf Herz und Nieren geprüft. Wenn möglich, sollte man sie immer wieder überprüfen oder überprüfen lassen und, wenn nötig, Korrekturen verlangen. Ebenso wichtig ist es aber auch, mit den Lieferanten einen Dialog zu führen. Dadurch werden sie sensibilisiert.

Sie sprechen nur mit dem Unternehmen?

Nein, man sollte Anspruchsgruppen einbinden, etwa Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Behörden. Wenn hohe soziale Risiken bestehen, sollte man auch mit den Arbeitern reden.

Was können Sie tun, wenn ein Unternehmen Ihre Kriterien nicht einhält?

Ganz wichtig ist es, nicht oberflächlich vorzugehen. Supermärkte fürchten, in Skandale verwickelt zu werden, und tendieren oft dazu, den Lieferanten einfach auszuwechseln, wenn Probleme auftauchen. Nehmen wir einmal an, es kommt heraus, dass bei einem Textilhersteller in Bangladesch Kinder arbeiten. Dann wird dem in den meisten Fällen ganz schnell gekündigt. Es macht die Welt und die Lieferkette eines Unternehmens allerdings nicht besser, wenn man hektisch den Produzenten auswechselt und ihn vielleicht durch einen anderen ersetzt, bei dem nur noch nicht herauskam, dass er auch Kinder für sich arbeiten lässt. Viel wirksamer ist es, Druck auf den bisherigen Partner auszuüben, damit der einen Plan entwickelt, um die Kinder einzuschulen und die Kinderarbeit zu überwinden. Einen ähnlichen Fall hatten wir bei Bio Sol in Südspanien, wo mehrere Arbeiterinnen entlassen worden waren und keine Abfindung erhalten hatten. Wir haben uns als Vermittler betätigt: Am Ende wurden einige dieser Frauen wieder eingestellt.

Muss man sich nicht trotzdem von einem solchen Partner trennen?

Man muss sich vor allem klar von Schwarz-Weiß-Vorstellungen trennen und nicht von einem Lieferanten zum anderen hüpfen. Stattdessen muss man sich auf die wichtigsten Aspekte konzentrieren. Natürlich gibt es immer Grenzen, die nicht überschritten werden sollten, und es kann auch sein, dass man die Beziehungen abbricht, vor allem mit Lieferanten, die sich als verbesserungsresistent erweisen. Priorität hat aber der Versuch, einzuwirken.

Kann ein Supermarkt seine Zulieferer wirksam kontrollieren?

Es werden immer wieder aufgrund von kommerziellen Interessen die Anforderungen, die wir als verantwortungsvolle Verbraucher stellen, unterschätzt oder vergessen. Dann erfasst man nicht immer alle Aspekte, und die Lieferketten sind oft sehr verzweigt. Auch sind die Ressourcen für die Qualitätskontrolle oft beschränkt, es fehlen die Mittel. Aber ja, eine effiziente Kontrolle ist möglich. Sie ist ein wichtiger Teil des Managements.

Wie viel Aufwand bedeutet es, seine Lieferanten zu kontrollieren?

Es ist sicher ein Aufwand. Und den scheuen eben diejenigen Supermärkte, die lediglich von Skandalen verschont bleiben wollen. Deshalb treffen sie Maßnahmen, aber eben nur minimale, die einzig und allein zum Ziel haben, Skandale zu vermeiden. Das ist eine sehr defensive Haltung. Vor allem bei den Discountern spielen Marketingüberlegungen eine große Rolle, und es fehlt oft ein echter Wille, die Lieferkette nachhaltig zu gestalten. Dabei muss eine gewisse Kontrolle ohnehin sein. Alle Einzelhändler und die meisten Importeure haben auch die Möglichkeit, bei der Gelegenheit zudem auf die Arbeitsbedingungen oder die Umweltbelastung einzugehen. Es ist nur eine Frage des effizienten Managements. Die Kontrolle der Lieferkette bringt den Unternehmen übrigens echte Vorteile, sie ist nicht nur eine Bürde.

Vorteile? Zunächst kostet die Überwachung doch viel Geld.

Für Einzelhändler bedeutet eine engere Zusammenarbeit mit dem Lieferanten, dass Vertrauen aufgebaut wird, manchmal fragen sie uns sogar um Rat. Ganz sicher werden die Produzenten aber an den Händler gebunden. Das ist positiv. Zum Teil ändert sich dann das Klima erheblich, und Verhandlungen werden einfacher. Auch für Exporteure gibt es Vorteile: höhere Produktivität, weniger Konflikte, klarere Abläufe, bessere Motivation des Personals, größere Treue, weniger Personalfluktuation.

Ein Supermarkt bezieht seine Produkte auch aus Übersee. Dort gibt es ein anderes Arbeitsrecht, andere Umweltgesetze. Kann man trotzdem europäische Maßstäbe anlegen?

Es ist sicher wichtig, dass man die Kultur in den Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens berücksichtigt. Doch es gibt auch internationale Kriterien wie die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (I LO), die weltweit gelten. Und die wichtigsten Prinzipien beispielsweise des Wassermanagements sind die gleichen in Südchina, Marokko oder Europa. Pestizide wirken auf Mensch und Umwelt überall gleich. Nur sollte man immer überlegen, wie schnell und wie vollständig Anforderungen umgesetzt werden können, und realistische Pläne entwickeln.

Wie kann ein einzelnes Unternehmen Druck ausüben?

Ich habe dafür gesorgt, dass wir mit anderen Einzelhandelsketten gemeinsam vorgehen. Dabei können Supermärkte wie Coop und Rewe zusammenfinden. Oft erwies sich sogar die Zusammenarbeit mit dem größten Mitbewerber von Coop, Migros, als sehr positiv. So hatten wir mehr Einfluss. Zudem ist die Entwicklung von engen, partnerschaftlichen Beziehungen zu guten Lieferanten und das gemeinsame Anpacken von Problemen ein wichtiger Faktor. In solchen Beziehungen wird alles transparent, auch die noch bestehenden Schwachpunkte, und man kann gemeinsam Probleme angehen und lösen. Das ist mir besonders gut in Marokko gelungen: Ein Lieferant hat - von Coop begleitet - ab 2006 innerhalb von fünf, sechs Jahren die Arbeitsbeziehungen radikal umgestaltet. Das war aber nur möglich, weil ich ihm von Anfang an versichert habe, dass er die Verbesserungen schrittweise umsetzen kann.

Reagieren alle Produzenten so aufgeschlossen?

Das ist ganz unterschiedlich. In einzelnen Fällen: ja, absolut. In anderen Fällen: nein, gar nicht. Bei Bio Sol in Spanien waren wir mit einem offenen, harten Konflikt konfrontiert.

Wenn der Kunde im Supermarkt immer billigere Produkte möchte, wirkt sich das am Ende auf die Arbeitsbedingungen bei den Erzeugern aus. Welche Verantwortung hat der Verbraucher?

Es gibt bereits eine Bereitschaft der Konsumenten, bei bestimmten Produkten auch etwas mehr zu zahlen, zum Beispiel bei Bio- und Fairtrade-Waren. Bei anderen nicht. Würden sich die Einzelhändler nicht so einen ruinösen Preiskampf liefern, hätte die Landwirtschaft wohl mehr Möglichkeiten, andere Produktionsbedingungen zu schaffen.


Laurent Vonwiller, geboren 1948, arbeitete von 2003 bis 2011 als verantwortlicher Manager für Qualität und Nachhaltigkeit bei der Schweizer Supermarktkette Coop. Zuvor war der Agronom und Hobby-Jazzmusiker bei verschiedenen Zertifizierungsfirmen in der Schweiz angestellt. Von September 2011 an ist er als Berater tätig.