Bio und fair? Signal aus der Schweiz
 
von Shelina Marks

Ein konsequentes Zusammenwirken von Handelsketten, Zertifizierern und Gewerkschaften kann Arbeitsrechte stärken. Das zeigt der Ausgang eines Arbeitskonflikts beim spanischen Biogemüse-Produzenten Bio Sol, über den der Tages-Anzeiger am 21.2.2011 berichtet hat.

Das Unternehmen, das zu den größten Biogemüse-Exporteuren der andalusischen Region Almería zählt und 98% seiner Produkte in die EU verkauft, war im Frühjahr wegen Arbeitsrechtsverletzungen in die Schlagzeilen geraten. Eine Gruppe entlassener marokkanischer Arbeiterinnen warf dem Bioproduzenten vor, sich an unbezahlten Überstunden, gesundheitsschädlichen Tätigkeiten und Vertragsbetrugs gesundzustoßen. Ein Vorwurf, wie es schon viele gab, mit einem entscheidenden Unterschied: Der Bio-Zertifizierer Bio Suisse und sein Importeur Coop reagierten prompt, Coop stellte bis zur Klärung der Vorwürfe seinen Import bei Bio Sol ein.

Die südspanische Gewächshausregion ist seit Langem für die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen der Immigranten bekannt. Nachdem die Region auch wegen des übermäßigen Pestizideinsatzes in die Kritik geraten war, sattelt sie jetzt zunehmend auf Bio um. Für die Arbeiter hat die nachhaltige Anbauweise jedoch kaum Verbesserungen gebracht. Im Fall Bio Sol hat die Schweizer Coop jetzt die Notbremse gezogen und mit einem Handelsstopp gedroht, sollten sich die sozialen Verhältnisse im Betrieb sich nicht grundlegend ändern.

Konsequentes Handeln

„Solch ein konsequentes Handeln haben wir hier bislang noch nicht erlebt“, sagt Federico Pacheco von der Landarbeitergewerkschaft SOC in Almería. Mit seinen Kollegen führt er seit Langem einen zähen Kampf gegen die Ausbeutung der Landarbeiter, die unter den Plastikplanen schuften. Doch nicht nur die Gewerkschaft, auch die betroffenen Arbeiterinnen fühlten sich durch die Reaktion von Bio Suisse und Coop gestärkt. Sie hielten dem Druck stand, den das Biounternehmen auf sie ausübte, und gingen mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit. Laurent Vonwiller, zuständig für Qualität und Nachhaltigkeit bei Coop, zeigt sich beeindruckt. „Es ist bemerkenswert, dass die Arbeiterinnen kollektiv gehandelt haben. Es ist ihnen gelungen, gemeinsam für ihr Recht einzustehen.“ Vonwiller begleitete auch die Verhandlungen in Almería. „Zum ersten Mal sind wir mit einem solch offenen, harten Konflikt konfrontiert“, sagt er. Doch Coop sei sich der Verantwortung bewusst. „Bio heißt nicht nur Respekt für die Umwelt, sondern auch für den Menschen. Da müssen wir vorbildlich sein.“ Zumindest in diesem Fall hat das geklappt. Bio Sol hat einige der Frauen wieder eingestellt, den sechs entlassenen Arbeiterinnen wird ihre gesetzmäßige Abfindung gezahlt. Die Arbeitsbedingungen im Betrieb sollen sich von jetzt an bessern, und auch Gewerkschaftsarbeit soll in Zukunft erlaubt sein.

„Es ist wichtig, dass dieser Fall Signalwirkung hat“, sagt Sabine Lubow von Bio Suisse. Doch aus den Augen lassen will die das Unternehmen nicht. Noch in diesem Jahr werden im Rahmen einer neuen Bio-Suisse-Richtlinie für Sozialstandards die ersten Kontrollen bei größeren Produzenten in Spanien durchgeführt. Bio Sol wird einer davon sein.


Tages-Anzeiger, Zürich, 24.05.2011