Der Fall Biosol
 
von Shelina Marks

Lange hagelte es für das Intensivanbaugebiet im südspanischen Almería Kritik. Die Region, die Europa ganzjährig mit Obst und Gemüse aus ihren Gewächshäusern beliefert, galt als Synonym für massiven Pestizideinsatz und ausgebeutete Arbeitsimmigranten. Jetzt schwenken die Gemüseproduzenten zunehmend auf Biolandbau um und stoßen damit auf Zustimmung in der europäischen Öffentlichkeit. Kunden gibt es in Nordeuropa genug, denn die Nachfrage nach günstigem Biogemüse reißt nicht ab. Bio ist ein Muss fürs Wohlfühlgefühl. Aber kommt das auch bei den Arbeitern an? Die kommen vor allem aus Marokko und Ländern südlich der Sahara, viele von ihnen papierlos. Und ihr Arbeitsalltag sieht oft anders aus als die Hochglanzauslage in unserem Supermarkt.
Die Landstraße von El Barranquete schlängelt sich durch karge Hügellandschaft, ein trockener, heißer Wind weht von der Küste des Cabo de Gata herüber. Die spröde Erde des Campo de Níjar macht es den Bauern nicht leicht, Kakteen wachsen hier, Steine und Felsbrocken machen die Landschaft zur Wüste. Hinter einer Kurve taucht das grüne Flachdach einer Halle auf. Das LKW-breite Tor davor wird gerade neu gestrichen, zwei Marokkanerinnen mit Baseballmützen stehen in der Sonne und tauchen den Pinsel in grüne Farbe. Ein meterhohes Schild aus Kunststoff steht daneben, ähnlich dem einer Tankstelle. „Willkommen in einer ökologischen Welt“ steht darauf, auf Spanisch, Englisch und Deutsch, darüber eine gelbgrüne Sonne. Hier hat Bio Sol Portocarrero seinen Sitz. Vor elf Jahren begann der Biopionier mit den ersten Exporten aus der Region. Deutschland, England und Schweden zählen zu seinen Kunden, Edeka, Rewe und die Billigtochter Netto kaufen hier ebenso ihre Biotomaten ein wie der Biosupermarkt Alnatura. Mit etwa 100 Hektar Anbaufläche ist Bio Sol einer der größten Bioproduzenten der Region, und das nicht umsonst: 67.000 Euro Subventionen hat das Unternehmen 2008 von der andalusischen Regierung erhalten, um seinen Maschinenpark für die Biotomaten-Produktion weiter auszubauen. Ein lohnendes Geschäft, nicht nur für Bio Sol.
Grünes Image
Auch die andalusische Regierung profitiert von dem grünen Image, das sie europaweit propagiert. „Von den insgesamt 26.000 Hektar Land in der Provinz Almería werden mittlerweile über 20.000 Hektar ökologisch oder zumindest integriert bewirtschaftet“, erklärt José Antonio Aliaga, Amtsleiter der andalusischen Landwirtschaftsbehörde. Er ist zuständig für die Qualitätssicherung in der Agrarregion und stolz auf den Wandel zur Nachhaltigkeit. Sein Büro liegt in Almería, hinter den letzten Häusern der Hafenstadt beginnt das „Plastikmeer“: Geschätzte 40.000 Gewächshäuser dehnen sich über mehr als 350 Quadratkilometer zwischen der Küste und den Bergen der Provinz Almería aus.
30 km weiter östlich liegt San Isidro. Eine Landstraße führt durchs Dorf, an ihr liegen einige der größeren Biokooperativen der Region. In San Isidro steht die Zeit still. Auf den Bänken vor der Kirche sitzen ein paar arbeitslose Immigranten. Der Inder, in dessen Imbiss die Nachbarn zur Eröffnung noch nach Gratis-Döner Schlange standen, sitzt jetzt davor und wartet auf Gäste. In einer der Seitenstraßen liegt das Büro der Landarbeitergewerkschaft SOC. Eigentlich hat es heute geschlossen, aber Abdelkader Chacha schiebt mit rasselnder Entschlossenheit das Rolltor nach oben. Hinter ihm stehen acht Frauen, Marokkanerinnen, die Kopftücher fest um den Kopf geschlungen, eine hat ein Kind an der Hand, und alle sehen wütend aus. Gewerkschafter Chacha, der sich seit vielen Jahren für die Belange immigrierter Arbeiter in der Gewächshausregion von Almería einsetzt, zieht Klappstühle ran. Gemütlich machen die Frauen es sich nicht. Man merkt ihnen die Anspannung an. „Die meisten von uns arbeiten seit fünf, manche seit zehn Jahren im selben Unternehmen. Jetzt wurden Frauen aus Osteuropa eingestellt und 18 von uns dafür entlassen.“ Wie der Produzent heißt? „Bio Sol.“
Vorzeigebetrieb für Biogemüse
Doch im Vorzeigebetrieb für Biogemüse sind Arbeitsrechte nicht gern gesehen. „Willst du arbeiten oder nicht“ kriegen die zu hören, die sich beschweren. Fatima* ist sauer über die scheinbare Wahlfreiheit. Sie hat acht Jahre in der Abpackhalle des Biobetriebs gearbeitet, sechs Tage die Woche, Überstunden ohne Bezahlung gemacht, am Fließband Tomaten, Zucchini, Paprika verpackt. „Oft arbeiten wir von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts, das schlaucht.“ Wer zur Toilette muss oder Wasser trinken will, hat fünf Minuten Zeit, ausstempeln muss man sich dafür an der Stechuhr. „Wenn man länger braucht, wird automatisch eine halbe Stunde Arbeitszeit vom Lohn abgezogen.“ Zeitdruck sei normal, auch am Fließband. „Wenn man nicht eine bestimmte Menge Gemüse in der Stunde schafft, gibt es eine Abmahnung, nach drei Abmahnungen droht die Entlassung.“ Schmerzen haben sie alle, und während Naima* ihr Kind auf den Knien in eine bequemere Position schiebt, zeigt sie auf ihren Rücken: „Eine Kiste Wassermelonen wiegt 20 Kilo“, sagt sie, „und Kisten heben wir Frauen täglich. Nicht mal auf Schwangere wird Rücksicht genommen. Noch im siebten Monat hat meine Freundin die schweren Kisten gestapelt. Das hat ihr Baby krank gemacht.“
Gewerkschafter Chacha kennt das Business, er schüttelt den Kopf. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir Beschwerden über Bio Sol nachgehen müssen“, sagt er, „schon im letzten Jahr lagen uns etliche Klagen gegen das Unternehmen vor. Gelernt hat es daraus offensichtlich nicht.“
Unter den über 60.000 Produkten, die in Deutschland das grüne Bio-Siegel des Landwirtschaftsministeriums tragen, sind auch die Tomaten von Bio Sol. Bio-Cherrytomaten zum Naschen, in dreieckige Plastikschälchen verpackt, geputzt und edel präsentiert in den Bio-Auslagen der Supermärkte sind ein Absatzgarant. Und die Nachfrage reißt auch im Winter nicht ab. Das Intensivanbaugebiet in Almería ist eines von vielen europäischen Zulieferern für industrielles Bio-Gemüse, die einem harten Preis- und Konkurrenzdruck standhalten müssen. Und wie so oft sind es zuerst die Arbeiter, die dabei auf der Strecke bleiben.
Ein Gang an der Produktionskette entlang endet bei den Frauen in San Isidro, die, nach ihrem Nachhaltigkeitsempfinden befragt, schnarrend lachen. „Nach all den Jahren stehen wir jetzt ohne Job da, noch dazu ohne Abfindung.“ Denn die bekommt nur, wer lange genug in einem Unternehmen gearbeitet hat. Und um eine lange Firmenzugehörigkeit zu umgehen, greift auch Bio Sol auf ein simples, aber bewährtes Prinzip zurück: Es lässt es gar nicht erst so weit kommen. „Eine gut kalkulierte Masche“, sagt Laura Góngora, Anwältin für Arbeitsrecht in Almería. „Der Produzent profitiert von günstiger Arbeitskraft, der Arbeiter steht am Ende vor dem Nichts.“
Gefälschte Gehaltsabrechnungen
Auf Góngoras Schreibtisch liegen drei Gehaltsabrechnungen mit verschiedenen Firmennamen, alle gehören derselben Arbeiterin. „Die Unternehmen gehören alle drei zu Bio Sol, auch wenn es auf der Abrechnung anders aussieht. Die Frauen stehen weiter an derselben Maschine in derselben Abpackhalle und tun dieselbe Arbeit wie seit Jahren. Aber sie unterschreiben regelmäßig neue Verträge einer anderen Firma, und am Ende sieht es aus, als wären sie jedes Jahr woanders angestellt gewesen.“ Zudem steht auf den Abrechnungen meist weniger als das, was die Frauen wirklich verdient haben. Naima zeigt einen Briefumschlag mit ihrem Namen. „Darin übergeben sie uns unseren Lohn, je nachdem so um die 1000 Euro im Monat.“ Ihre Gehaltsabrechnung sagt etwas anderes aus: 377 Euro Bruttogehalt für 30 Tage Arbeit mit Überstunden stehen dort. Laura Góngora erklärt: „Für die Arbeiterinnen bedeutet all das am Ende: keine Abfindung, kaum Sozialleistungen und im schlimmsten Fall keine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung.“ Das sei zwar illegal, aber gemeldet werden solche Machenschaften nur selten, zu groß ist die Angst vor dem Jobverlust. Und nur die wenigsten kennen ihr Recht, sie unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird. „Der Wandel zur Biolandwirtschaft tut dem Verbraucher sicher gut“, sagt Laura Góngora, „aber für die Arbeiter ändert er nichts. Die Arbeitsrechtsverletzungen gehen weiter wie zuvor. Mit dem einzigen Unterschied, dass das Gemüse, für das die Leute schuften, jetzt Bio heißt.“
Vor dem Gewerkschaftsbüro in San Isidro verabschieden sich die Frauen von Abdelkader Chacha. Sie haben Familien zu versorgen, auch Naima, deren Mann seit drei Jahren arbeitslos ist. „Keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll“, sagt sie, aber entmutigen lässt sie sich nicht.
Auf seiner Homepage wirbt das Unternehmen Bio Sol für die hohe Lebensqualität in der ökologischen Lebensmittelproduktion. Die Frauen aus San Isidro entscheiden sich aus Rücksicht auf ihren ehemaligen Arbeitgeber gegen einen öffentlichen Protest. Vielleicht werden sie ja wieder eingestellt. Bio Sol sagte einen schon zugesagten Interview-Termin kurzfristig ab. Willkommen in einer ökologischen Welt.